Fränkischer Theatersommer

Zeitkungskritik der Premiere von „Jetzt ich deutsch“

Flüchtlingsschicksale auf der Bühne
Theater ACTelier zeigt mit dem Fränkischen Theatersommer „Jetzt ich deutsch“

Eine nagelneue Produktion mit Signalwirkung: Im Nürnberger Theater ACTelier hatte das neue Musical „Jetzt ich deutsch“ Premiere, das ganz aktuell die FIüchtlingsproblematik und den alltäglichen Fremdenhass hierzulande thematisiert.


Librettist und Komponist Andreas Rüsing und Regisseur Jan Burdinski haben eine reduzierte Parabel auf die Bühne gebracht, die nahe geht, obwohl sie eigentlich zu viel will: Flüchtlingsschicksale sollen ebenso beleuchtet werden wie die durch dumpfen Fremdenhass geprägte Radikalisierung der Gesellschaft, die Angst vor Abschiebung und die fragwürdigen Mechanismen der deutschen Behörden. Moralische Holzhämmer, erhobene Zeigefinger allerorten, bisweilen viel zu gestelzte Sprache.

Dass dieses Stück dennoch funktioniert, dass es mitnimmt und nachdenklich macht, dass es beeindruckt und beschämt, hat viel mit den drei Darstellerinnen zu tun, die ihre komplexen Frauencharaktere stimmig und unaufgesetzt über die Rampe bringen Clementina Culzoni verkörpert die Argentinierin Valentina, die sich ihr Bleiberecht im „gelobten Land“ Deutschland mit einer Scheinehe herbei trickst. Madina Frey verwandelt sich in die christlich erzogene Sudanesin Joy, deren Fluchtgeschichte traurig macht, weil sie direkt der Realität entnommen ist.

Gegenpol der beiden Immigrantinnen ist Gitti Rüsing, die eine junge Frau aus dem rechten Milieu irgendwo zwischen AfD, Pegida und NPD spielt, Stammtischparolen, Halbwissen und Gruppendruck verbinden sich bei dieser sanft vulgären Michaela zu einer gefährlichen Mischung, deren Auswirkungen sie beinahe selber den Kopf kosten.

Brüchige Utopie
In der Kooperation des Theaters ACTclier mit dem Musicalnetzwerk und dem Fränkischen Theatersommer, Landesbühne Oberfranken wird freilich eine – brüchige und hinterfragte – Utopie vorgelebt: Das Nazi-Mädchen freundet sich mit den Jungen Ausländerinnen an und riskiert den Ausstieg aus einem Umfeld, in dem sie sich nicht länger zu Hause fühlt – Repressalien sind programmiert.

Für diese Geschichte hat sich Andreas Rüsing eingängige, popmusikalisch gefärbte Songs einfallen lassen, bei denen das Damentrio mit starken Stimmen glänzen und satte Harmoniegesänge servieren darf. Am Ende steht ein gemeinsames Friedenslied – leider nur eine tröstliche Theatervision.

Termine und Karten: www.actcenter.de; mehr Bilder unter www.nordbayern.de

VON HANS VON DRAMINSKI
NÜRNBERGER NACHRICHTEN vom 12. September 2016

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