Fränkischer Theatersommer

Wenn Noah aufs Comeback wartet (Rezension Premiere 3.7.)

Stadtsteinach – Einblicke in „das Leben danach“, wenn man nicht mehr gebraucht wird als Retter der Menschheit oder als Prinzessin aus der Märchenwelt, wenn man angekommen ist im Alltag, haben zwei „Betroffene“ am Freitagabend im Frankenwaldtheater von Wolfgang Martin in zwei Ein Mann-Stucken beziehungsweise einem Eine-Frau-Stück gegeben. Der Titel: „Comeback für Noah oder: Was macht eigentlich Dornröschen ?“

Im ersten der beiden Einakter von Thomas Rau, die der Fränkische Theatersommer präsentiert – erinnert sich Noah (Martin Schülke) an die Zeit, als er dem elitären Kreis von nur acht Menschen angehörte, die die Sintflut überlebten. Genau genommen hatten die anderen sieben – seine Frau, seine drei Söhne und drei Schwiegertöchter – Glück, dass er so nett war, sie mitzunehmen auf dem berühmtesten Schiff, das je gebaut wurde, abgesehen von der Titanic vielleicht: Denn schließlich war nur er der Auserwählte. „Das war die geilste Zeit in meinem Leben, da muss man dabei gewesen sein. Ich könnt heulen, dass das vorbei ist“, schwärmt er von damals. Köstlich, wenn er mit einem Modell der Arche in der „Badewanne“ sitzt und die Naturgewalten der Sintflut Revue passieren lässt. „Das waren die einzigen Tage in meiner Ehe, wo ich Oberwasser hatte“, trauert der Mann, der mittlerweile unter dem Pantoffel steht, der Zeit nach. Was macht man nach dem Höhepunkt im Leben, wenn man wieder im elenden Alltag angekommen ist, wenn alles ist wie vorher? „40 tolle Tage im ganzen Leben kann nicht alles gewesen sein“, stellt er fest. Und so hat er einen „Klimawandler“ gebaut, mit dem er es in Kairo schneien lässt und mit dessen Hilfe er Rom überflutet. „Das mag er gar nicht“, gibt er über Gott preis und hofft, dass der als Reaktion eine neue Sintflut über die Menschheit hereinbrechen lässt und er mit einer zweiten Arche losziehen kann. Ungemein vergnüglich, wenn er die Besucher direkt anspricht und ihnen anbietet, dass sie sich als Auserwählte für schlappe 3999 Euro ein Ticket auf dem „Traumschiff der guten Laune“ sichern können. Und das, obwohl die Fahrt mit „spektakulären Zusatzevents“, mit dem weltgrößtenRegenbogen und den besten Comedians einen Wert von 20000 Euro hat. „Alles ist perfekt geplant, was fehlt, ist der göttliche Auftrag“, steht Noah auf dem Sprung.
Nach der Pause hat Dornröschen (Viktoria Lewowsky) die gleichen Probleme. Für die einstige „Weltrekordlerin im Dauertiefschlaf“ ist das Bett längst zu einem Ort des Grauens geworden, denn sie leidet unter
Schlafstörungen. Alle Schlafmittel versagen und das „stärkste Schlafmittel, das ich je im Leben gesehen habe“, die Spindel, an der sie sich damals pikste, ist nicht mehr aufzufinden. Ihr bleibt nichts, als sich jedes Jahr das Buch der Rekorde zu kaufen, um zu sehen, ob sie keiner überholt hat. „lch beneide Sie, Sie träumen beim Schlafen, ich träume vom Schlafen“ klagt sie den Besuchern ihr Leid, um sie bald darüber aufzuklären, dass der Tag, an dem sie der Prinz wachküsste, bei Weitem nicht so romantisch war, wie das die ganze Welt denkt. „Das war ein widerliches Geschlabber. Mit dem Mundgeruch und der Bierfahne hätte er eine Tote aufgeweckt“, plaudert sie aus dem Nähkästchen. So war es auch der dickste Fehler ihres Lebens, ihn aus Dankbarkeit zu heiraten und somit ihr Leben zu zerstören. Und das nur, weil sie nach hundert Jahren Schlaf noch nicht ganz klar im Kopf war. Nachdem er eine Kontovollmacht von ihr bekam, hat er als einziges Hobby das Abheben von Geld vom Konto, und im Sport ist er nur in der „Disziplin Seitensprung“ tätig. Da bringt er allerdings eine olympiareife Leistung. Aber jetzt plant sie, die „publizistische Bombe“ zu zünden und die Memoiren einer Märchenprinzessin zu schreiben, einen erschütternden und ehrlichen Bericht über die katastrophalen Zustände in deutschen Ehen. „Ähm, deutschen Märchen“, verbessert sie sich augenblicklich und träumt schon vom Pulitzer-Preis und vom Nobelpreis. Zwei kurzweilige, amüsante Geschichten, die die Sichtweisen aufzeigen von zwei ehemaligen Helden, die der Alltag zu Tode langweilt und die in den Erinnerungen an früher
schwelgen.
von Rainer Unger, Rezension aus der Frankenpost, 6.7.2015

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