Fränkischer Theatersommer

Pressekritik zur Premiere von „Voll in Ordnung“

Nordbayerischer Kurier Freitag, 18. Dezember 2015 (Von Moritz Kircher)
 
Prävention auf der Bühne
 
Kreisjugendring und Fränkischer Theatersommer touren mit einem Schauspiel gegen Drogen durch Schulen
 
Als sich Clarissa Hopfensitz vor 400 Schülern, Lehrern und der bayerischen Gesundheitsministerin Melanie Huml eine Zigarette ansteckt und genüsslich daran zieht, geht ein Raunen durch den Raum. Doch die Zigarette ist nur Teil eines Schauspiels, mit dem der Bezirksjugendring dem Drogenkonsum unter Jugendlichen vorbeugen will. Und bei dem alle mitmachen dürfen.

 
Philipp, gespielt von Johannes Leichtmann, ist der einstige Musterschüler, der in den Drogensumpf rutscht und zu Hause eine Mutter (Clarissa Hopfensitz) hat, für die ein Glas Wein am Nachmittag dazugehört – und Zigaretten sowieso. Philipps Freundin Jasmin (Bettina Wagner) hat ihre Erfahrungen gemacht und will ihn vor den Drogen und vor seinen falschen Freunden bewahren. Was nach Klischee klingt, kommt bei den Schülern an.
 
„Ich fand das Stück schön, weil man sich direkt in die Personen reinversetzen konnte“, sagt Maria Steeger, Schülersprecherin an der Gesamtschule Hollfeld, wo das Stück gestern uraufgeführt wurde. Eva Weiß, ebenfalls Schülersprecherin, hat’s auch gefallen: „Sie haben die Gefühle von Drogenabhängigen und Betroffenen sehr gut nachgespielt“, sagt sie.
 
Das Stück, das der Fränkische Theatersommer konzipiert hat, soll nun auf Tour durch Oberfranken gehen. „Wir wollen es in zwei Jahren an 50 Schulen zeigen“, sagt Christian Porsch vom Kreisjugendring Bayreuth. Und die Schüler sollen mitmachen. Denn die Geschichte endet am Wendepunkt – wenn sich entscheidet, ob Philipp die Kurve kriegt oder nicht. Ab dort erarbeiten die Schauspieler gemeinsam mit den Jugendlichen den Ausgang des Stückes und bringen ihn immer wieder neu auf die Bühne.
 
Peter Stenglein arbeitet seit 19 Jahren für die Polizei in der Suchtprävention. Dass sich die Schulen in dieser kreativen Form mit Drogen befassen, findet er gut. Obwohl Drogendeals auf dem Pausenhof „ wirklich selten“ vorkämen. Aber die Schulen verschließen die Augen nicht vor dem Problem, dass Jugendliche irgendwann mit Drogen in Berührung kommen. Er wünscht sich noch mehr Präventionsarbeit an Schulen. „Man kann das nicht oft genug wiederholen.“ Das Raunen in der Halle, als im Theaterstück eine echte Zigarette aufglimmt, wundert die Hollfelder Schulleiterin Christiana Scharfenberg nicht. „Das ist die erste Droge“, sagt sie. Und die meisten Schüler wüssten das auch. Auch ihr hat das Schauspiel gefallen. Wie für sie gute Drogenprävention aussieht? „Das muss einfach immer wieder thematisiert werden.“
 
 
Ministerin Huml gegen die Freigabe von Cannabis
Zur Uraufführung des Präventions-Theaterstücks „Voll in Ordnung“ war die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml an die Hollfelder Gesamtschule gekommen. Am Rande der Aufführung sprach sie sich im Kurier-Interview gegen die Legalisierung von Cannabisprodukten aus. Sie ist der Auffassung, dass damit „die Gefahr, die von Cannabis ausgeht, verharmlost wird“. Von verschiedenen Seiten wird die Freigabe gefordert, mit dem Argument, Cannabis den Charakter als Einstiegsdroge im illegalen Bereich zu nehmen. Huml sieht das anders: Gerade bei jungen Menschen könne die Droge psychische Erkrankungen auslösen. „Deswegen halte ich es nicht für richtig, dass wir das verharmlosen, in dem wir es freigeben.“
 
 
INTERVIEW
Erfahrung einer Suchtkarriere: Nur Elend, Verzweiflung und Dreck
 
Walter ist seit sechs Jahren clean. Seinen Nachnamen behält er lieber für sich. Aber alles andere erzählt er. Und das sind die Details über seine Drogenkarriere. Mit seiner Geschichte will Walter Schüler davon abhalten, die gleichen Fehler zu machen wie er. Und er hält sich damit selbst in der Spur.
 
Was erzählen Sie den Schülern im Unterricht?
Walter:
Ich erzähle meine Suchtgeschichte. Die Schüler merken, dass ich ehrlich bin. Ich erzähle ab dem ersten Kontakt mit Alkohol und Nikotin. Das geht nicht mit irgendwelchen Horrorgeschichten los. Das hat sich entwickelt. Die erste illegale Droge war Haschisch. Bevor die nächste Droge dazu gekommen ist, ist erst einmal drei, vier Jahre nichts passiert. Aber da habe ich gelernt, meine Gefühle zu manipulieren. Dann kamen die anderen Drogen dazu. Und das ganze Elend mit Überdosen, Krankenhaus, mit fast sterben. Und wenn ich fertig bin, sind die Schüler erst mal still. Die sind danach so emotionalisiert, weil die Sucht ein Gesicht bekommt.
 
Warum offenbaren Sie sich Fremden und erzählen Ihre Geschichte?
Walter:
Ich habe selbst Kinder. Und auch ich habe Präventionsangebote erlebt, die aber nicht ausreichend waren. Als ich clean wurde, habe ich mir überlegt, welche Form der Prävention mir geholfen hätte. Wer hätte mich ansprechen können? Wenn, dann jemand, der mir erzählt, was er erlebt hat. Dann hätte ich vielleicht eher akzeptiert, wie riskant das alles ist. Ich habe die Selbsthilfegruppe „Narcotics Anonymus“ in Bayreuth gegründet. Und ich will meine Erfahrungen den Kindern weitergeben. Ich mache es aber auch wegen mir. Sucht ist eine Krankheit des Vergessens. Ich sehe immer wieder, die Leute vergessen dieses Elend, diese Verzweiflung, diese Hoffnungslosigkeit, diesen Dreck. Und sie denken nur noch: Boah, war das geil. Aber ich werde nie vergessen, was ich damals erlebt habe. Und heute geht es mir eine Million Mal besser. Und damit ich das nicht vergesse, gehe ich hierher und erzähle mein Leben.
 
Sie sagen von sich selbst, Sie sind clean. Aber Sie sprechen vor Schülern von sich als Suchtkrankem. Warum?
Walter:
Ich bin den Rest meines Lebens drogenabhängig, auch wenn ich clean bin. In dem Moment, in dem ich Kontakt mit Drogen hätte, ginge das von vorne los. Ich rauche nicht, ich trinke nicht, ich nehme keine gefährlichen Medikamente, keine illegalen Drogen. Ich esse nicht mal Mohnbrötchen, Pralinen oder Schwarzwälder Kirschtorte. Null. Nichts. Komischerweise vermisse ich nichts.
 
Jeder Mensch schlägt doch mal über die Stränge. Sie nicht?
Walter:
Ich fahre Motorrad, gehe Drachenfliegen, mache Sport, Musik, ich lese. Jetzt kann ich mich um so etwas kümmern. Dadurch, dass ich keine Drogen mehr nehme, habe ich eine riesige Portion Freiheit bekommen. Eigentlich hatte ich das so gar nicht erwartet. Ich habe nur aufgehört, weil ich Angst hatte und mir gewiss war, dass ich sterben muss, wenn ich so weitermache. Und dann kamen tolle Dinge. Ich habe in den Drogen immer die Freiheit gesucht. Beim Kiffen bin ich auf hohe Berge gefahren, damit ich weit sehen konnte. Aber die Freiheit habe ich dort nie gefunden – nur Sklaverei und Elend. Jetzt bin ich frei.
 
Das Gespräch führte Moritz Kircher
 

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