Fränkischer Theatersommer

Pressekritik: „Wenn wir über Schatten tanzen“ in Altenkunstadt

Einmal richtig glücklich sein

„Fränkischer Theatersommer“ zeigt „Wenn wir über Schatten tanzen“

 

Wenn es um das nackte Überleben geht, werden Wünsche, die man hatte, zur Nebensache. Man verschwendet keine Gedanken an ein feudales Leben. Still sind die meisten älteren Besucher im Friedrich-Baur- Seniorenzentrum geworden, als die 70 Minuten eines besonderen Schauspiels zu Ende gegangen sind. „Wenn wir über Schatten tanzen“, lautet der Titel des Stückes aus Tanz, Theater und Gesang, mit dem der „Fränkische Theatersommer“ in Altenkunstadt gastierte.

Die Hauptakteure Alexander von Hugo und Michaela Duhme haben in Gesprächen mit ihren Großeltern entdeckt, wie ihre Kriegserlebnisse bis in die heutige Zeit hineinwirken. Bombenhagel, Flucht, Gewalt, Verzweiflung, Hunger, Ausgrenzung haben sie in ein sehr bewegendes Bühnenstück eingearbeitet.

Was geht in Menschen vor, die zwar funktioniert haben, aber nicht wissen ob sie sich schuldig fühlen müssen oder nicht? Und anhand von aktuellen Geschehnissen fragt sich der Betrachter des Stückes nicht nur, ob sich Geschichte wiederholt, nein, er befindet sich mitten im Hier, Jetzt und Heute. In ihrer Kindheit erlebten heutige Senioren schuldlos den Krieg, ebenso wie die Kriegskinder, die gegenwärtig weltweit auf der Flucht sind.

 

Tabuthema der Nachkriegszeit

Die beiden Künstler behandeln hier ein Tabuthema, schließlich sind in den meisten Nachkriegsfamilien die schrecklichen Ereignisse nicht aufgearbeitet worden. Auch die Schuld der Eltern, die hinter der Ideologie der NS-Zeit standen, blieb in den meisten Familien ein Tabu. „Und all die offenen Fragen, die Verunsicherung und Ängste, die sich daraus entwickelten, vererbten sich von Generation zu Generation weiter.“ Und wieder kommt der Gedanke nach Schuld und dem Umgang damit auf.

Die Musik, in der das Bühnenstück verpackt ist, hat vom begeisternden Stepptanz bis hin zum melancholischen Klarinetten-Spiel des Kinderliedes „Schlaf, Kindlein schlaf“ einiges zu bieten. Geradezu greifbar wird der Sinn des Hits von Peggy March aus dem Jahre 1972 „Mit 17 hat man noch Träume“. Junge Leute fragen nicht, was man darf und kann, junge Menschen sehen die Welt gern mit anderen Augen an. Doch mit den Jahren wird man erfahren, dass ein Traum auch platzen kann.

„Achtet auf eure Gesundheit, sie ist euer wichtigstes Gut“, hört man eine alte Stimme aus dem Hintergrund nach einer atemberaubenden Stepptanzeinlage sagen. Eine schlichte Szenerie mit einem Tisch, zwei Stühlen und einem alten Radio lässt die Erinnerung an längst vergangene Zeiten aufleben. Die Stimme aus dem Hintergrund kommt aus dem alten Radio. Sie gibt Antworten auf Fragen, die an ältere Menschen von den beiden Protagonisten zu ihrer Vergangenheit gestellt wurden. Sie begleiten das Bühnenstück über die gesamte Spielzeit wie ein drohender, warnender Zeigefinger. Wünsche? Reiner Luxus! Selbst die großartige Szene, wie man sich beim Tanz verlieben möchte und sein Herz verschenken will, ist plötzlich in einem anderen Licht zu sehen: „Der Traum, den ich geträumt, ist aus, ich war doch hier zu Haus, mein Reichtum warst doch du, all das verging im Nu. Warum sollen wir sterben, wir sind doch noch so jung? Was ist eine Grenze? Warum hält der Zug? Wir haben Angst, wird denn alles gut?“

 

Der Wunsch nach Unerfüllbarem

Und wieder kommt der Wunsch nach Zufriedenheit ins Spiel, die doch so weit weg zu sein scheint. Einmal keine Sorgen haben, keine Angst vor dem Morgen haben, einmal im siebten Himmel schweben, einmal richtig glücklich sein. Und schon wieder der Wunsch nach Unerfüllbarem: „Einmal ist keinmal, ich möchte, dass einmal ewig ist! Überleben, nur überleben!“, kommt aus dem alten Radio die Stimme. Die jungen Leute können es sich nicht vorstellen, dass dies der größte Wunsch sein kann. Sehr dankbar hört es sich jedoch an, als zu vernehmen ist: „Ich darf leben – ich darf mich in meinem Leben bewegen – ich darf es genießen.“

All die Erklärungen über die Erfahrungen und Emotionen ließen die beiden Schauspieler großartig in diese Bühnen-Collage einfließen, die dem Lebensrhythmus von längst vergangener Jugend, aber auch der heutigen Gegenwart nachspürt. Michaela Duhme und Alexander von Hugo haben ein Stück auf die Bühne gebracht, das nicht nur an alte Zeiten erinnert, sondern zum Nachdenken anregt.

 

Von Roland Dietz

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