Fränkischer Theatersommer

Pressekritik: „Die schlimmste Problemzone der Frau“

Clarissa Hopfensitz brilliert in dem Stück „Mondscheintarif“. Die durchlebt die Stimmungen einer unsterblich Verliebten – sehr zum Vergnügen des Stadtsteinacher Publikums.

Von Rainer Unger

Stadtsteinach – „Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt“ heißt es in Klärchens Lied bei Goethe. Diese Wechsel von absoluter Hochstimmung bis zur schlimmsten Nledergeschlagenheit und zurück durchlebt auch Cora Hübsch. Im Solostück „Mondscheintarif“ des Fränkischen Theatersommers lebt Schauspielerin Clarissa Hopfensitz diese verschiedenen Stimmungen, den Stimmungswandel binnen eines Wimpernschlags, in exquisiter und vergnüglicher Weise vor. Die Besucher des voll besetzten Frankenwaldtheaters in Stadtsteinach belohnten die Schauspielerin, dle bei dem Stück auch Regie führt, für deren grandiose Darbietung am Freitagabend mit nicht enden wollendem Applaus.

Der erste Kuss
Zum Stück: Cora Hübsch ist 33 dreiviertel Jahre alt und hat vor drei Tagen eine Liebesnacht mit dem Mann ihrer Träume verbracht: Dr. med. Daniel Hofmann. AJies könnte bestens sein, wenn er nur anrufen würde. Denn in diesen drei Tagen hat er sich nicht mehr gemeldet. War sie für ihn nicht mehr als nur ein OneNight- Stand?

So verliert sich Cora auf der Bühne in Überlegungen und Betrachtungen, ihrer Füße beispielsweise, einer weitgehend unerschlossenen weiblichen Problemzone. Ihrer Meinung nach stehen auch ihre Brüste zu weit auseinander, denn: „Schau ich eine an, hab ich die andere schon aus den Augen verloren!“ Und dann hat sie noch das Problem, das sie von hinten so ähnlich aussieht wie von vorn, was daran liegt, dass ihr Hinterteil und ihr Bauch gleich rund sind. Letztendlich kommt sie zum Schluss, was die allerschlimmste Problemzone der Frau ist: der Mann! Über Erinnerungen an früher, an den ersten Zungenkuss, bei dem sie – lag’s am süßen Sekt oder am Bockbier – aufstoßen musste, und andere Peinlichkeiten gelangt sie in die nähere Vergangenheit.

Sie lässt die Vergangenheit drei Wochen Revue passieren, von dem Moment an, als sie „ihn“ das erste Mal traf. Dieses „traf“ ist durchaus wörtlich zu nehmen, denn bei einer Filmpreisverleihung legte sie einen exorbitant blamablen Auftritt hin, bei dem sie, mit einem Tablett beladen das Gleichgewicht verlierend, nicht nur der als „beste weibliche Hauptdarstellerin“ Ausgezeichneten einen Hummer ins Dekollete platzierte, sondern zudem Dr. med. Daniel Hofmann sehr schmerzhaft in den Genitalien traf. Es folgt ein gedanklicher Abstecher zu ihrer Figur. Um diese in Form zu halten, macht Cora Hübsch in ihrer Freizeit Fettverbrennung durch sportliche Aktivitäten, wobei sie das Seilhüpfen als eine Möglichkeit auf der Bühne gekonnt vorführt. In köstlicher Weise lebt sie auf der Bühne die ständigen Stimmungsschwankungen vor, vor Freude kreischend, glucksend, gluckernd, im nächsten Moment vor Bekümmertheit flennend, heulend, plärrend.

Dickmanns und Alkohol
Letztere Gemütsverfassung geht einher mit dem in sich Hineinstopfen von „Dickmanns“ und dem Trinken von Alkohol. Dem zustimmenden Nicken mancher männlichen Besucher ist wohl zu entnehmen, dass sie ähnliche Erfahrungen schon selbst mitgemacht haben. Immer wieder muss auch ihre Freundin Jo am Telefon herhalten, um zu beraten, zu trösten und aufzubauen.

Clarissa Hopfensitz präsentiert sich auf der Bühne aber nicht nur sprachgewandt und wortakrobatisch. In fast schon akrobatischer Weise führt sie im Stile eines Luftgitarristen geradezu slapstickhaft vor, wie sie bei der Filmverleihung diverse Leckereien vom Buffet auf ein Tablett schlichtet und dort balanciert. Die Szene erinnert dabei an rasante Sequenzen aus Comicfilmen.

Sprachgewandt
Auch sonst legt die Schauspielerin von der Gestik und Mimik her in Stadtsteinach eine klasse Leistung hin. Vorzüglich gelingt es Clarissa Hopfensitz, eine fast schon teenagerhafte Schwärmerei für ihren „göttlichen Mediziner“ auf der Bühne auszuleben, ihren „Zustand extremer und außergewöhnlicher Verliebtheit“ zu manifestieren, um in der nächsten Sekunde das beleidigte, vernachlässigte, trotzige kleine Mädchen zu geben. Eine höchst amüsante Inszenierung, die die Zeit wie im Fluge vergehen lässt.

Frankenpost, Stadt und Landkreis Kulmbach, Donnerstag, 8. Oktober 2015

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