Fränkischer Theatersommer

Die unbekannte Geschichte des Judas

Presseartikel zur Premiere von „Judas“ am 10. März in Presseck

 

Gelungene Premiere in Presseck: Christoph Auer verkörpert den vermeintlichen Verräter auf sehr hintergründige Weise. Das Monodrama liefert viel Stoff zum Nachdenken.

 

Von Klaus Klaschka

Presseck – Lot Vekemans „Judas“, aufgeführt am Donnerstag im – katholischen – Paulusheim, ist genauso wenig ein biblisches Stück wie Senouvo Agbota Zinsous Stück „Frau Lot und ihr Kampf gegen die Engel“, das der Pressecker Verein „Kultur auf der Höhe“ im Juni vergangenen Jahres in der – evangelischen – Dreifaltigkeitskirche angeboten hatte. Beiden Stücken gemeinsam ist der Versuch, biblische Überlieferungen zu entmythologisieren, ohne deren prinzipiellen Inhalt in Frage zu stellen. Christoph Auer vom Fränkischen Theatersommer stellte den Judas in diesem Ein-Personen-Stück dezent dar, als jemanden, der von sich eher plaudert, aber „seine Sache“ nicht unbedingt aller Welt verkünden möchte.

 

Vekemans Judas lamentiert nicht; versucht auch nicht Verständnis für sein Tun zu bekommen oder sich zu rechtfertigen. „Was ich erzählen möchte, ist die unbekannte Geschichte“,kündigt er zwar eingangs an. Aber ,.es ist sinnlos, mich begreifen zu wollen“, ihn, ,.ein Mensch unter Menschen“. Er habe gehandelt; und „ich entscheide mich schnell. Wer lange zögert, hat Angst. Zweifel sind das schwarze Loch zwischen zwei Handlungen“. Bei seinem Handeln, das ihm als Verrat angelastet werde, sei es nicht um die 30 Silberlinge gegangen. Die habe er den Römern dann ja wieder vor die Füße geworfen.

 

Denn er, Judas, habe ja gemäß der Vorahnung. des Messias gehandelt, der der Erfüllung von Jesaias Voraussage entgegensah. Und gleichzeitig habe er, Judas, das verursacht, auf das dann der christliche Glaube gründete: Tod, Kreuz und Erlösung. Zum anderen sei er, Judas, sicher gewesen, dass Jesus durch seinen Verrat nicht zu Tode kommen würde, denn dazu hätten die Tempelherren nicht die Macht gehabt. Auch der Römer Pllatus habe nicht danach getrachtet. „Aber ihr habt doch geschrien: Kreuziget ihn! Und verachtet mich, Judas, dann dafür.“

 

Er habe „ihn“ (dessen Name er nie ausspricht) damit wachrütteln wollen. Denn „er“ habe sich nur ergeben und sei nicht als König in Jerusalem eingezogen, als Befreier und gerechter Herrscher, um die ganze Welt zu befreien – aber genau daran habe er, Judas, geglaubt.

 

Lot Vekemans Judas ist nicht der mythologisierte Böse. Er ist ein Mensch wie jeder Mensch mit vielen Seiten, die gleichzeitig gut oder schlecht sind, je nach Sichtweise oder Situation. Christoph Auer stellt genau diese Vielseitigkeit ganz unspektakulär, fast banal und beiläufig dar. Er vollzieht kein großes Drama und Getöse: Er erzählt schlicht und einfach das, was er zu sagen hat.

 

Die, im Übrigen als Literatin und Dramatikerin mehrfach ausgezeichnete Niederländerin Lot Vekemans (1965 geboren) richtet ihre Darstellung der Person des Judas an einer protestantischen Theologie aus, die in der Mitte des vorigen Jahrhunderts für einige Kontroversen sorgte. Die eines Paul Tillig- noch mehr die von Rudolf Bultmann, der umfangreich darstellte, dass die an sich rein metaphysische Gedankenwelt des Bibeltextes für die Gegenwart nicht mehr verständlich sei, dass sie entmythologisiert werden müsse, um den Kern der Botschaft in der heutigen Zeit erkennbar zu machen.

 

Christoph Auers dezente, ganz unspektakuläre und fein nuancierte Darstellung des einstündigen Poems, für das seine Schwester Amelie Regie führte, kam einer solchen Entmythologisierung reichlich nahe.

 

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